Archiv für April 2010

Langer Atem

Der Winter war lang, da scheint es mehr als angemessen, einen Grillabend zu zelebrieren. Die hiesigen Schweineproduzenten erwarten den lang ersehnten Anstieg der Schweinepreise. Das ist das Gegenteil des Blutgeldes, das als finanzieller Ausgleich im ferneren Osten an betroffene Opferfamilien gezahlt wird. Nur wenige Stunden nach dem blutigen Karfreitag in Kundus hatten die Deutschen versehentlich sechs afghanische Kollegen getötet. Im Bundeswehrcamp hieß es am Samstagmorgen, es habe am Freitagabend „leider unnötig gekracht“. Das schlechte Wetter und das diffuse Abendlicht ließ die Deutschen bei dem „bedauerlichen Zwischenfall“ das Feuer eröffnen. Der Krieg hat einen langen Atem. Der Verteidigungsminister erklärte seiner kleinen Tochter, die getöteten „echten Patrioten“ seien drei Helden gewesen. Die drei hätten den höchsten Preis bezahlt, den ein Soldat bezahlen könne, erkannte die Kanzlerin vor mehr als 1000 Trauergästen „Ich verneige mich vor ihnen, Deutschland verneigt sich vor ihnen“ (ich bin Deutschland). sagte die Regierungschefin. Sie steht sehr bewusst hinter diesem Einsatz, im Gegensatz zum Großteil des betroffenen Volkes. Ganz anders sieht es im Nachbarland aus. Dort sind nicht drei Besatzungssoldaten im umgangssprachlichen Kriegseinsatz gefallen, sondern der Präsident und ein Teil der politischen Elite ist auf dem polnischen Versöhnungsflug abgestürzt. „Angesichts eines solchen Dramas ist unsere Nation geeint“, sagte der derzeitige Parlamentspräsident. Die zusammengewachsenen Deutschen aber eint die Grillsaison. Mal richtig ausatmen: CO2 ist für alle da…
grillsau
Noch nie wurden in Deutschland so viele Schweine geschlachtet, wie im vergangenen Jahr. Rund 56 Millionen vermeldete kürzlich das Statistische Bundesamt – absoluter Rekord. Vergasung als billige Tötungsmethode hat Tradition. Obwohl es gegen das Gesetz verstößt, geraten jedes Jahr über eine halbe Million Schweine lebend statt tot in die Brüh- und Zerlegemaschinerie… der lange Atem bis zum Tod. Die zuständige Landwirtschaftsministerin Aigner verweist auf den Freiraum, der noch bis 2013 Zeit lasse, strengere EU- Vorschriften umzusetzen.
Solange will sich der deutsche Papst Benedikt XVI. nicht Zeit lassen. Er will das mysteriöse Grabtuch von Turin, das der Überlieferung nach den Leichnam Jesu bedeckt haben soll, möglichst bald sehen. Auf dem Tuch ist das Blut vom lebenden Gekreuzigten vom seriösen „Leichenblut“ mit Wasser deutlich zu unterscheiden. Auch die Qualen schlecht entbluteter oder falsch betäubter Tiere schlagen sich negativ auf die Fleischqualität nieder. Fleisch und Wurst sind weniger lange haltbar und oft auch wässriger.
Wirklich bedenklich aber ist die „unheimliche fleischfressende Krankheit“, ausgelöst durch den caMRSA Erreger USA300, dem gefährlichsten Killer-Keim der Gegenwart, sein Siegeszug um die Welt scheint unaufhaltsam. Dass sich Menschen in den Tierställen mit einem gegen zahlreiche Antibiotikaklassen resistenten Keim infizieren können, haben Wissenschaftler nunmehr bestätigt.
Hierzulande erkranken jährlich etwa 160.000 Menschen, die sich in Krankenhäusern oder Ambulanzen mit den multiresistenten Erregern anstecken. Etwa 1.500 von ihnen sterben an den Folgen dieser Infektion. Wegen fehlender Meldepflicht dürfte die Dunkelziffer etwas höher seit.

nichts ist unmöglich?

Der 1. April ist vorbei. Noch gibt es keine Katzensteuer. Aber Arbeitslose sollen das Einkaufen nicht verlernen. Sechs bis neun Monate Shopping- Training im Übungssupermarkt unter Geschäftsführer Westerwelle sind kein Scherz. Wer sich nicht darauf einlässt, fliegt nach zwei Abmahnungen raus. Deutlich länger hat sich der Rauswurf des geplanten Luft-Boden-Schießplatzes aus der Kyritz-Ruppiner Heide hingezogen. Erst nach 18 Jahren gab das Verteidigungsministerium das Vorhaben auf. Mit offizieller Genehmigung der Bundeswehr wurde am Ostersonntag ihr Wegtreten nicht nur in der Freien Heide gefordert. «Das Gebiet muss unverzüglich aus dem Ressortvermögen der Bundeswehr gelöst werden und in das Nationale Naturerbe übernommen werden» … für 100 000 Touristen jährlich. Eine Nachnutzung der anderen Art startete am „Car-Samstag“ im dichter besiedelten deutschen Abendland. Dort wo in der moralischen Trümmerlandschaft der Nazidiktatur, die CDU eine neue freiheitliche Ordnung zu begründen versuchte, warteten Sexy Girls auf ihren Fototermin beim ersten markenoffenen TuneUp Meeting 2010. Nochmal richtig Gas geben und für den lautesten Auspuff einen Pokal absahnen. Weit entfernt von den Ansätzen dieser unserer Normalität verteidigen Afghanen ihr Land traditionell gegen Besatzer. Umgangssprachlich sei das Krieg, erkannte inzwischen Deutschlands dafür zuständige Minister. Und der zuständige Präsident am Hindukusch droht, die Seiten zu wechseln, wenn sein Wahlsieg von der UNO weiter beschmutzt würde. Dann könnten die Taliban eine legitime Widerstandsbewegung werden.
osterling
Am Deserteurdenkmal in Stuttgart begann die größte Ostermarschveranstaltung in Deutschland.
Der dort ansässige Daimler-Konzern hat in Berlin die Notwendigkeit der Kostenersparnis verkündet. Nach der 185 Millionen Dollar Strafe für seine Schmiergeldaffäre hat das Unternehmen die Botschaft der Börsenaufsicht SEC verstanden und die richtigen Schritte eingeleitet. Die Daimler-Zentral-Niederlassung wird zurückbeordert. Ein Schock für die insgesamt 2 000 Berliner Kollegen. Ihr Protest könnte den Ostermarsch in der Bundeshauptstadt in den Schatten stellen…
Der einzige Ostermarsch in der Schweiz hatte ein anderes Thema. Dieses Jahr wurde der Zusammenhang von Gewalt und Krieg mit sozialer Ungerechtigkeit, eben wirtschaftlicher Gewalt thematisiert:«Frieden auf den Feldern – Frieden auf dem Teller!»
Das Wasser, der Boden, der Wald sind natürliche Ressourcen, erneuerbare Ressourcen, die nie ausgeschöpft sind, wenn sie nachhaltig genutzt werden. Gute Nahrung braucht aber viele Hände, praktisches Wissen und eine große Erfahrung. Lokale und regionale Selbstversorgung ermöglichen kurze Kreisläufe und eine von den Großverteilern unabhängige Ernährungssicherheit.
„Urbi et Orbi“ schallt es aus dem Vatikan. Aber die Zeiten haben sich geändert. „Urbi statt Orbi“ ist die Devise. Doch eine eindrückliche und stetig wachsende Zahl junger Menschen hat die Lebensbedingungen in den Städten satt und sucht nach praktischer Tätigkeit und nach Lebenssinn.