Archiv für Mai 2010

Nachruf zur Befreiung

Nur einen Tag nach dem „Tag der Befreiung“ der nur in MV ein deutscher Gedenktag ist, nimmt die Bundeskanzlerin an der Truppenparade zur Siegesfeier in Russland teil. Auch nach 65 Jahren hat sich grundsätzlich wenig geändert in der schönen neuen Welt. Die Demonstration der Stärke hat ihre Faszination behalten. Rüstung ist kein Luxus, sondern Motor der Wirtschaftskraft. Doch davon ist im schönen MV wenig zu spüren…
Im Kreis DM, wo die Kanzlerin traditionell ihre Aschermittwochrede hält, wurde der 8.Mai jetzt zwar mit Kanonenschüssen der Demminer Schützengilde eröffnet aber wieder traditionell mit einem rechten Trauermarsch beendet. 250 Polizisten waren wegen des Aufzugs etwa ebenso vieler Rechtsextremer im Einsatz. Zum Ende des Krieges wurde hier sprichwörtlich bis zur letzten Patrone gekämpft. Während der Apotheker mit seinen Söhnen im Hauseingang liegend, die Straße unter Feuer nahm gegen einrückende Rotarmisten, haben seine Frau und seine Töchter im Keller die Gewehre nachgeladen, berichtet ein Zeitzeuge über die „letzten Gefechte“. Die Parlamentäre, die für eine kampflose Übergabe der Hansestadt ihr Leben riskierten wurden zuvor erschossen.
Dafür gibt es kein Totengedenken…
kriegerdenkmal
Das 1946 in Demmin vom Sockel gestürzte Kriegerdenkmal wurde nach der Friedlichen Revolution wieder ausgegraben u. saniert: Ross u. Reiter erlebten ihre Wiedervereinigung. Der Landesvorsitzende des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge im befreiten MV ist der amtierende Innenminister. 160 seiner randalierenden landeseigenen Schützlinge wurden am Abend des 8. Mai im bevölkerungsreichsten Bundesland von der Polizei festgenommen. Zur Siegesparade am Wahlsonntag wurde trotz alledem der eigene Torhüter so stark von einem Feuerwerkskörper aus dem eigenen Fanblock getroffen, dass er behandelt werden musste. Aggression und Angriffslust wächst im Abstiegskampf. Niederlagen sind schwer auszuhalten.
„Neue Brücken braucht das Land- Nie wieder Krieg“ verkündete ein Bündnis für ein lebenswertes und lebendiges Demmin der Zukunft und der regierende Landesvater legte am Denkmal „Die Mutter“ im Schweriner Vorort Raben Steinfeld einen Kranz nieder.
Und im ferneren Indien untersucht ein Team von Militärärzten einen Yogi. Sie erhoffen sich Erkenntnisse für das Überleben im Katastrophenfall.

„Better City, Better Life“

Gestern wurden in Deutschland traditionell die Scheiterhaufen angezündet.
Zum Hexenbrennen muss Bier fließen. Dann kommt der gesetzliche Feiertag.
Der Tag der Arbeit ist einer der wichtigsten hiesigen politischen Feiertage. Er wurde am 1. Mai 1933 durch die NS-Arbeiterpartei festgesetzt. Die hatten Großes vor. Straßen wurden gebaut u. Granaten gedreht. Das Volk ohne Raum kurbelte die Wirtschaft an.
Arbeitshäuser sollten Landstreicher, Arbeitsscheue u. Müßiggänger an ein geordnetes gesetzestreues Leben gewöhnen.
1938 in der „Aktion Arbeitsscheu Reich“ verlagerte die Gestapo Insassen der Arbeitshäuser in Konzentrationslager. Dort empfing sie der Spruch „Arbeit macht frei“.
Der Tag der Arbeit hat die bedingungslose Kapitulation überlebt, Arbeitshäuser wurden wieder eingeführt. Die Dollarsonne ging auf, das Wirtschaftswunder begann von vorn…
tag der arbeit
Am 1. Mai im neuen Jahrtausend übernahm ein deutscher Direktor die Führung des Internationalen Währungsfonds. Er sah in der schnellen Ausdehnung der Finanzmärkte den Motor des weltweiten wirtschaftlichen Wachstums.
Der Immobilienblase folgten die Abwrackprämien. Griechenland erlebt jetzt vor allen anderen die härtesten Sparmaßnahmen seit dem 2. Weltkrieg. Der Ministerpräsident musste erkennen, dass es keine Alternative mehr gibt zur „Liste der Grausamkeiten“ die er in Absprache mit dem IWF noch einmal verlängert.
Mehr Arbeit für weniger Lohn. Das deutsche Grundgesetz erlaubt Zwangsarbeit nur bei Freiheitsentzug. Die strafrechtliche Relevanz von Arbeitshäusern wurde zwar nach 1968 zu den Akten gelegt aber seit 2005 treibt eine „Eingliederungsvereinbarung“ in der Nachfolge der Arbeitshäuser so manchen Hartz IV-Betroffenen über Ausgrenzung u. Entwürdigung in Ausweglosigkeit und Suizid.
Doch die Welt ist auf der Suche nach der idealen „Stadt der Harmonie“. Die größte u. teuerste Expo aller Zeiten ist eröffnet. In Deutschlands Pavillion, dem größten der jemals auf einer Expo aufgetreten ist, gibt es unter dem Motto „balancity“ Sauerbraten und Schweinshaxe. Zuvor hatte ein Großbrand im deutschen Brandenburg eine Schweinemastanlage völlig zerstört:
„Die Einsatzkräfte, die in ihrem Feuerwehr-Leben schon so allerhand miterlebt hatten, gerieten an die Grenze ihrer psychischen und physischen Belastung. Das Schreien der kleinen Tiere klang ihnen noch Tage später in den Ohren. Der Anblick völlig desorientierter, verängstigter Jungtiere, teilweise mit angesengtem Fell oder dem Erstickungstod durch Rauchgas nahe zerrte an den Nerven der Helfer und Retter…“ Nach fünf Stunden wurde „Feuer aus“ vermeldet. Fast alle 2-3 Tausend Tiere starben in dem Inferno.
Auch bei der explodierten Ölplattform im Golf von Mexiko war wohl der zu erzielende Profit die einzige Triebfeder für die Produktion.
Das Rückkopplungsventil
, „ein absolut zuverlässiger Mechanismus“ wurde eingespart. Das begehrte knapper werdende Öl entwickelt so als süßer Brei seine Eigendynamik. „Gegenüber der Natur wie der Gesellschaft kommt bei der heutigen Produktionsweise vorwiegend nur der erste, handgreiflichste Erfolg in Betracht; und dann wundert man sich noch, daß die entfernteren Nachwirkungen der hierauf gerichteten Handlungen ganz andre, meist ganz entgegengesetzte sind, daß die Harmonie von Nachfrage und Angebot in deren polaren Gegensatz umschlägt…“ wurde schon im vorvorherigem Jahrhundert erkannt. Und: „Am wesentlichsten aber war die Wirkung der Fleischnahrung auf das Gehirn, dem nun die zu seiner Ernährung und Entwicklung nötigen Stoffe weit reichlicher zuflossen als vorher, und das sich daher von Geschlecht zu Geschlecht rascher und vollkommener ausbilden konnte.“
Das Resultat heute kennen wir.
Ohne „eine vollständige Umwälzung unsrer bisherigen Produktionsweise und mit ihr unsrer jetzigen gesamten gesellschaftlichen Ordnung“ bleibt alles beim Alten.
In diesem Sinne: Es lebe der 1. Mai… der Tag des Einkommens.