Archiv für November 2010

Barrierefreiheit

Gorlebens Zwischenlagerchef Ölschläger hatte früher selber in einer Bürgerinitiative mitgewirkt um den DDR-Staat zu verändern.
Heute stellt er fest, dass bei den AKW-Gegnern kein Umdenkprozess stattgefunden hat. Sein Interesse gilt dem Sterben der Sterne. Sternenleben hängt mit Radioaktivität zusammen. Er hat schon in der DDR gelernt, mit der Strahlung umzugehen. Kernenergie ist für ihn kein Irrweg sondern genauso Mittel zum Zweck wie für die in Moskau studierte Physikerin die jetzt den strahlenden Westabfall ins Bundesland ihres Wahlkreises dirigiert.
Der Weg zurück in den Osten ist frei. Der polnische Papst hat den Eisernen Vorhang aufgezogen. Die Soziale Marktwirtschaft konnte einmarschieren.
Der deutsche Papst relativierte das Verhütungsverbot. Auf halbem Weg zur nächstöstlichen Hauptstadt breitet der weltgrößte Jesus seine Arme aus, der neue Schutzpatron einer Kleinstadt. Seine Halbwertszeit könnte nach Ansicht polnischer Bauexperten, die eines Castorbehälters unterbieten. Noch gut 100 km weiter östlich soll ein altes Atomkraftwerk reaktiviert werden. Der süße Brei muss die Wirtschaft ankurbeln. Egal, ob Atomkraft oder Massentierhaltung Bedenken erzeugen, diese dürfen letztendlich nicht den Investoren im Wege stehen. Und so werden Ängste gegen das Unsichtbare radioaktiver Strahlen und multiresistenter Keime kriminalisiert, wenn sie sich organisieren.
Die Terrorgefahr nimmt zu, wird verkündet. Armeeeinsatz im Inneren ist in Deutschland kein Tabuthema mehr. Wem tut es gut, wenn die sozialen Zusammenhänge der Gesellschaft demontiert werden?
Während sich das Volk in Haiti gegen Cholera-Blauhelmsoldaten wehrt, hat der US-Präsident vor dem Weißen Haus einen Truthahn begnadigt – und hatte sichtlich Spaß dabei. 1300 km muss der Durchschnitts-US-Bürger fliegen, bis er seinen flugunfähigen Thanksgivingvogel zwischen die Zähne bekommt.
Der aus Millionen Todeskandidaten auserwählte Gnadenhahn aber heißt Apple.

Pille danach

„Wir kommen jetzt mit der G20 von der Phase der absoluten Krisenbewältigung in die Phase, was wird die G20 auf der Ebene der Staats- und Regierungschefs sein, wenn die Krise vorbei ist“, erklärte Frau Merkel auf dem Gipfel. Sie und Chinas Hu sind das mächtigste Paar der Welt.
Exportweltmeister aller Länder vereinigt euch.

Gute Hoffnungen hat es zu allen Zeiten gegeben. So konnte sich am Vortag der gefeierten Friedlichen Revolution erstmals das Bedingungslose Grundeinkommen als Kulturimpuls öffentlich im Bundestag entfalten. Diese Tat der parteilosen Tagesmutter aus dem Tollensetal konnte nicht folgenlos bleiben: Die amtierende Bundesregierung hält die mit der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens verbundene „völlige Umstrukturierung des Steuer-, Transfer- und Sozialversicherungssystems“ für falsch, darf der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales auf der Webpräsenz des Bundestages verkünden: „Problematische Auswirkungen auf Arbeitsanreize“ seien zu erwarten.
Diese Regierungsposition steht also offiziel fest, bevor die Petition ordnungsgemäß zum Abschluss gebracht wurde, ein schöner Beleg für die praktizierte „lebendige Demokratie“.
Und im Nordmagazin aus dem „MV tut gut-Land“ erfährt man: Wenn Kinder träumen, wünschen sie sich das Schlaraffenland… und wenn Erwachsene träumen, dann…, ja dann erfährt niemand dass es möglich wäre, sich ein eigenes Bild zu machen. Der NDR verschweigt die Möglichkeit, auf der Website des Bundestags die komplette Anhörung im Film zu verfolgen. Der Vorschlag, das Land MV oder den Kreis DM als Modellregion des Grundeinkommens auszuprobieren, bleibt so verborgen.
Es ist offensichtlich nicht erwünscht, dass die Landeskinder bemerken, wie der ländliche Raum stabilisiert werden könnte, wenn ein BGE eingeführt würde. Der Vormarsch der Schweinefabriken darf nicht aufgehalten werden. Billige Zwangsarbeiter hoffen auf einen Job. Die erneuerbaren Energien als Stärke des Landes sollen herausgestrichen werden. In den ausgeräumten Landschaften sollen jetzt mehr Menschen auf Plakatmotiven zu sehen sein, beschlossen die landeseigenen Image-Werber. Im Genussland für große Gefühle stehen jährlich zwei Millionen Euro der Bündelung von Tourismusverband und des Agrarmarketings zur Verfügung.

„Keine Wendemöglichkeit“
, steht unter der Berliner Bösebrücke in den Westen, daneben gab`s Landjuwel-Wurst am neuen Gedenk-Ort des Mauerfalls.

Stinkbombe

Die zuständige Behörde hätte alle notwendigen Kontrollen durchgeführt aber nichts entdeckt, hieß es aus Polizeikreisen in Athen. Schwarzpulver sei möglicherweise durch Mehl verdünnt und daher schwer erkennbar. Problem erkannt, ein Innenminister fordert den Abschuss von Verkehrsflugzeugen. Präventivschlag um Schlimmeres zu verhüten. Paketbomben im Frachtverkehr bedrohen die deutsche Tourismusbranche. Wozu also in die Ferne schweifen, hier ist es doch so schön. Die Aktionsgemeinschaft „Freier Himmel e.V.“ hat im Rahmen der Jubiläumsveranstaltung „20 Jahre Urlaubsland Mecklenburg-Vorpommern“ den ersten Tourismuspreis des Landes erhalten. Der Schutzpatrons der Reisenden, ein heiliger Christophorus für unermüdliche Don Quichote- Kämpfer, unterstützt von der Deutschen Kreditbank.
Und nur wenige Tage später startete eine neue Marke unweit der Mülldeponie Rosenow. „Ländlichfein soll Mecklenburg-Vorpommern ein Gesicht als Genussland geben“
stinkbombe
Was aber verbindet der Einzelne mit seinem Land? Warum leben die Menschen gern hier? Welche kleinen und großen Erfolgsgeschichten gibt es zu erzählen? Antworten auf diese Fragen gab das Postkartengewinnspiel „MV tut gut, weil …“
Auch der zuständige Tourismusminister wurde am Vorabend des offiziellen ländlichfein- Startes neu ins Rennen geschickt. In der Demminer Tennishalle (hier fand die Anhörung für Europas größte Ferkelfabrik statt) beerbte er Frau Holznagel. Ihr war von verschiedenen Seiten dringend geraten worden, Stress abzubauen. Sie, die Landtagsvizepräsidentin, war 2007 persönlich in die Telliner Storchenbar gereist, um dem ansässigen CDU-Ortsverband ihre Richtlinie zum gemeindlichen Einvernehmen für die damals geplante Ferkelfabrik einzuprägen. Jürgen Seidel, Tourismus- u. Wirtschaftsminister (zuständig für die Genehmigung des Saustalls), der sie immer unterstützt habe, soll nun nach dem Willen der Mitglieder in ihre Spur treten. Er soll zur Landtagswahl ein Direktmandat für die Union gewinnen. Schon als Geschäftsführer im DDR-Erholungswesen wußte er, wie Massen zu kanalisieren sind. Folgerichtig war er nach der ersehnten Wende der Vorsitzende des Landestourismusverbandes, unterbrochen von seinen Ministerämtern. Als stellvertretender Ministerpräsident steht er hinter dem Slogan „MV tut gut“, mit dem die politische Entscheidung zur Anordnung der sofortigen Vollziehung des Genehmigungstatbestandes (Ferkelfabrik am Tollensetal) als öffentliches Interesse begründet wird, obwohl die Ableitung von 60l/s sogenannten unverschmutzten Regenwassers erst beantragt aber noch nicht genehmigt ist. „Vom Sozialismus lernen heißt siegen lernen!“ hieß es einmal. Im realexistierendem Land der Schweineproduktionsweltmeister griff Jürgen dann zur Gitarre u. sang ein Lied aus alten Zeiten, Bob Dylans „Blowin‘ in the Wind“… die Gäste bekamen für jede beglichene Rechnung einen Bernstein geschenkt. Das Gold der Ostsee als Gruß aus MV soll für Wohlstand stehen, der sich vermehrt… analog dazu wächst die Gülle im Veredlungsprogramm der amtierenden Regierungsclique. MV tut gut… ländlichfein.