Archiv für Januar 2011

Schwarze Schafe, arme Schweine

Die Kanzlerin hat nicht zu viel versprochen.
Deutschland hat die Krise gestärkt überstanden. Aber alles hat seinen Preis. Auch ein Wachstumsbeschleunigungsgesetz. „Schneller leben“ heißt es nicht nur für die armen Schweine, die ihren Weg in die Verwertungsmaschinerie kaum erwarten können. Denn es geht immer wieder um die Wurst. tempoJetzt droht einigen von ihnen die Fettleibigkeit über die erwünschte Norm hinaus. Sie dürfen noch nicht im Kühlhaus gestapelt werden. „Wachse oder weiche“ gilt auf einmal nicht mehr. Jeder Tag zusätzliche Lebenszeit kostet extra. Wenn sich ihr Fleisch im Rahmen der vorhandenen Überproduktion dann nur „noch billiger“ abstoßen lässt, sind auch ihre Mäster gezwungen, in der Herde der schwarzen Schafe mitzulaufen. Wer nicht mithält, landet im Kadaverhaus. Die IHK hat angehenden Existenzgründern in MV schon vor der Jahrtausendwende eine gewisse Schlitzohrigkeit angeraten. Und weil die Wirtschaftskreisläufe sich weiter beschleunigen, müssen auch Unternehmer bisher ungeahnte Grenzen überwinden. Hier kommt dann schnell die sogenannte kriminelle Energie ins Spiel.
Das Wachstumsbeschleunigungsgesetz liefert das gesetzliche Unterfutter. Wer soll es im realexistierenden Schweinesystem irgendjemandem verübeln, wenn er die Kanten der Freiräume ausschöpfen muss. Der Vorsitzende der tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz Blaha, der die Außenstelle für Epidemiologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover leitet, benennt den üblichen Weg: „Man könnte beispielsweise belastete mit unbelasteten Eiern vermischen. Damit kämen wir in Verdünnungsstufen, die wir tagtäglich zu uns nehmen. Ähnliches ließe sich auch für Fleischprodukte denken.“ Daran haben sich auch die schwarzen Schafe der Futtermittelproduzenten gehalten. Nur müssen sie sich dabei etwas vertan haben. Die analysierte Futterfett-Probe war mit 123 Nanogramm Dioxin pro Kilogramm belastet – der gesetzliche Höchstwert von 0,75 ng/kg wurde damit um das 164-fache überschritten. Der Ausgangspunkt des Desasters aber sind sogenannte Pflanzenschutzmittel in der Fettsäure, die als Nebenprodukt der Biodiesel-Herstellung zwar zu 100 Prozent natürlichen Ursprungs sind, aber als „technisches Produkt“ verkauft werden. Wo bleibt der Angriff der Verbraucherschutzministerin auf die Pestizidindustrie? Sie plädiert bisher dafür, dass die Gifte getrennte Wege gehen, bevor sie den Verbraucher am Ende erreichen.
Der Trick hat sich schon bei WikiLeaks bewährt, um Spuren zu verwischen. So verschwinden die Dioxinpanscher genauso effektiv wie die Agrarindustrie, die bei Wikipedias „moderner Landwirtschaft“ einfach nicht zu finden ist.

Eiapopeia

Bis zu 80 dioxinverseuchte Eier pro Woche könnte 75 kg Mensch vertragen, erklärte die Verbraucherschutzbehörde der freien Hansestadt Hamburg. Die Bundesverbraucherministerin dagegen hat schon erkannt, dass es auch jenseits von Gesetzesverstößen überhaupt massive Probleme gibt. Doch bevor ihr geplantes Internetportal „Klarheit und Wahrheit“ starten kann, läuft die Lebensmittelindustrie Sturm gegen das Projekt. Die Neoliberalisierer auch der Agrarpolitik haben sich in der neuen Heldenstadt der Schwaben zu ihrem Dreikönigstreffen versammelt. Leckere süßsaure Kaisersülze mit den Spitzen von Schweinelenden sollte man beim Metzger zu Hause kaufen, rät die Christel aus deren Bundestagsfraktion: „Das ist überhaupt ein guter Schutz vor Schmu“. Das Leitbild der deutschen Fleischer für Selbstverständnis und Zukunftsgestaltung ist heute die f-Marke (kursives facebook-symbol in rot). Vereinigt haben sie sich 1875 in Gotha in Anlehnung an das Hauswappen des großen Reformators. Opferlamm und Auferstehungsfahne gehören seitdem zum Zunftzeichen der Fleischerinnung. Im gleichen Jahr am gleichen Ort vereinigte sich auch ein allgemeiner Arbeiterverein mit einer Arbeiterpartei. Die später in SPD umbenannte Partei forderte die „Abschaffung des Systems der Lohnarbeit, die Aufhebung der Ausbeutung in jeder Gesellschaft, die Beseitigung aller sozialen und politischen Ungleichheit“, als Werk der Arbeiterklasse. Obwohl selbst Marx feststellte, dass die Mehrheit des arbeitenden Volkes in Deutschland aus Bauern bestand, sahen sie in diesen nur eine reaktionäre Masse. „Das ärgert mich kolossal“ verkündet der Landwirtschaftsminister dieser Partei in MV, nachdem er 6 Schweinefabriken sperren musste. Noch ehe sich seine angepriesenen Arbeitsplätze der bodenungebundenen Tierproduktion in den hiesigen landeseigenen Aufschwungsprognosen einnisten konnten, ist für ihn jetzt eine Desillusionierungskampagne der besonderen Art angelaufen. „Für mich steckt hier kriminelle Energie dahinter“ muss er erkennen. Eigentlich sollte ein kleiner Ausflug zu den Lubminer Castoren seine Klausur in Greifswald medial aufwerten. Doch Dioxine sind wohl ähnlich schwer zu dirigieren wie Radioaktivität.
Die Suche nach dem Sündenbock ist auch in der globalisierten Welt nicht totzukriegen. Schweine als Abfallverwerter sind von der Entsorgungsindustrie verdrängt worden. Auch Schweizer Futtersuppenhersteller mussten dichtmachen, sonst wäre keine Alpensau mehr auf dem EU-Markt verkaufbar gewesen. Die Schweineproduzenten werden heute anderweitig beliefert. In Deutschland werden Lebensmittel im Wert von 20 Milliarden Euro pro Jahr weggeworfen. Davon lebt ein ganzer Industriezweig. Er steht am Ende einer technischen Nahrungskette. Und an deren Anfang wachsen immer mehr Bioenergiepflanzen auf dem Acker, die so den Futterpflanzenanbau für Mensch und Tier in Drittweltländer verschieben. Wen soll es wundern, wenn die Milliarde Hungernder einfach nicht zu halbieren ist und 100 Millionen Christen zur weltweit am meisten verfolgten Religion gehören?
Die im Zusammenhang mit einem Futtermittelskandal in die Schlagzeilen geratene Petrotec AG erhielt als erster Produzent von Biodiesel aus Müll die ISCC-Zertifizierung. „Es entsteht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Dioxin innerhalb unseres gesamten Biodieselprozesses“, so endet ihr aktueller Neujahrsgruss an die Geschäftspartner nach Aktienabsturz. Noch kommt 38% alles Erdöls aus Tiefseebohrungen. Ihr Genehmigungsstopp wurde in den USA aufgehoben, obwohl auch nach der Katastrophe keine Vorschrift die von außen manuell zu schaltenden Verschlussklappen in den Steigleitungen zwingend vorschreibt.
Die Interessen der agrochemischen Industrie in Deutschland vertritt er Industrieverband Agrar e. V. (IVA). Auf der Grünen Woche heißt das Motto seines Messeauftritts „Pflanzenschutz. Sichere Ernten. Sichere Lebensmittel“. Das Motto einer Demo vor der weltgrößten Verbrauchermesse könnte etwas über diesen Tellerrand hinaus reichen: „WIR HABEN ES SATT!“
Die Glaskuppel über der Immunität der Volksvertreter wurde schon im alten Jahr wegen Terrorwarnung dichtgemacht. Im neuen Jahr 2011 sollen ein Viertel bis ein Drittel aller in Deutschland ansässigen Personen zu Zwangsbefragungen aufgesucht werden. Sie müssen im Einzelfall “Erkundigungen” im familiären und nachbarschaftlichen Umfeld dulden. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“